Quirrestrasse 10  Der von Platen Highway Platenstrasse 01

Lumpi, die Bestie aus der Platenstraße, siehe Link, verlor durch seinen Biss in meinen blutjungen Schenkel die Lauffreiheit in der Quirrestraße. Der Hund wurde an die Leine gelegt, richtig so.

FRau Lumpis FensterDoch mit dem Biss waren die kriegsähnlichen Zustände zwischen der Jugend aus der Quirrestraße und dem Seniorenvolk, alles über 30, aus der Platenstraße noch nicht beendet. Wir Kinder spielten gerne mit dem Flummi und die Häuserwände der Platenstrasse waren die idealen Wurfwände. Wir spielten Squash ohne Schläger, ohne Seitenwände und Rückwand. Der Flummi wurde gegen die Hauswand geworfen und der gegnerische Spieler musste den Ball fangen. Das ging alles gut, bis ich einen Ball ein wenig zu hoch warf und er so durch die Glasscheiben eines Doppelfensters eindrang. Es gab keinen großen Knall und da die Bewohnerin, Frau Lumpi, nicht zu Hause war, konnten wir uns unbemerkt vom Acker machen. So war, zwar unbeabsichtigt, der Hundebiss gerächt.

 

Das Fenster von Frau Lumpi

Der Leinenzwang für Lumpi galt auch für den an der Quirrestrasse liegenden Spielplatz und den angrenzenden Rosenplatz. Durch diese beiden Plätze waren jung und alt dicht beieinander und da auch die Bewohner der Platenstrasse Spiel- und Rosenplatz nutzten, war trotz der geschilderten Vorfälle fortan ein gutes Miteinander gegeben. Wenn ich mir heute die Spielgeräte und auch den lieblos gestalteten Rosenplatz ohne Rosen ansehe, frage ich mich, warum die Stadt dieses Grundstück so verkommen lässt. Entweder man stellt genügend Spielgeräte für die Jungen auf,  gibt den Alten ein paar mehr Sitzgelegenheiten und gestaltet die Anlage ein ansehnlich oder aber man baut dort weitere Mietskasernen. So wie es jetzt ist, ist es nicht wirklich schön.

Wir spielten auf unserem Spielplatz an den Klettergerüsten, auch Bockspringen war eine der bevorzugten Übungen.

Spielplatz Quirrestrasse0001 Spielplatz Quirrestrasse0002

Spielplatz Quirrestrasse 0001  Spielplatz Quirrestrasse 0003

Der Spielplatz in den 60-igern

Spielplatz Rosengarten

Spiel- und Rosenplatz heute

Uwe und ich aber spielten am liebsten „Köppen“ im Sandkasten. Wir flogen wie Tilkowski durch unseren (Sand)Kasten, dass die Sandkastenbegrenzung aus massivem Stein bestand, merkte Uwe, als er einen von mir geschickt gesetzten Kopfball unbedingt abwehren wollte. Mit den Fingerspitzen lenkte er die Kugel ins Aus und landete mit dem Kopf auf dem Begrenzungsstein, was dem Stein nichts ausmachte, Uwes Augenbrauen allerdings zerriss. Er blutete wie ein gerade abgestochenes Schwein. Aber nicht Uwe weinte und schrie, nein, ich setzte mein Organ ein und informierte meine Mitmenschen, dass mein Bruder verblutet. Für diese Information benötigte ich weder WhatsApp- noch E-Mailverteiler, mein bloßes Organ reichte. So wussten nicht nur die Bewohner der Quirrestrasse 10 Bescheid, nein, alle in der Quirrestrasse und auch in der Platenstrasse waren über Uwes Leid informiert. Das nenne ich schnelle, transparente Kommunikation, die ich übrigens bis heute pflege.

Diese laute Art der Kommunikation hätte dem Namensgeber der Platenstraße sicherlich nicht gefallen, denn er war ein Adliger, der auf seinen Stand sehr viel Wert legte und das Leben in vollen Zügen genoss. Ein kommunizierender Schreihals wie ich, hätte sein Missfallen erregt.

In meiner Bewertung, ob von Platen nun ein Guter oder ein Schlechter war, bin ich nach wie vor unentschlossen. Das waren die Lindener wohl auch, denn warum sonst muss ein so bedeutender Mann, seinen Namen für eine so unbedeutende Straße hergeben.

Bevor ich aber zur Beurteilung von von Platen komme, muss ich natürlich erst einmal etwas über ihn schreiben, über den Mann, der der Platenstraße ihren Namen gab.  Die Platenstraße, ist eine der wenigen Straßen im ehemaligen Kötnerholz, die noch unbedeutender als die Quirrestraße ist. Wie bereits im Teil „der Hundebiss“ beschrieben, gehörte das Viertel westlich vom heutigen Kötnerholzweg zum Kötnerholz. In den Anfangszeiten Lindens, ging es den Meierhöfen in Linden am besten, die Landwirtschaft warf genug zum Leben ab. Die Kötner dagegen, dass waren die Betreiber der kleinen Höfe im Kötnerholz, betrieben die Landwirtschaft nur als Nebenjob, im Hauptberuf übten sie überwiegend einen Handwerksberuf aus, denn die kleinen Parzellen reichten zum Überleben nicht. Warum also benennt man ausgerechnet in diesem Viertel eine Straße nach dem Glamourmann von Platen?  Er wäre mit Sicherheit dafür gewesen, dass der Westschnellweg in von Platen Highway umbenannt wird. Das wäre auch passend, da der heutige Westschnellweg sein damals gepachtetes Land zerschneidet. Doch der Reihe nach.

Westschnellweg Mauer von Alten

Der Westschnellweg (links) zerschneidet heute den alten Park. Rechts Überreste der Begrenzungsmauer

Die Platenstrasse ist benannt nach dem Freiherr, Hofmarschall und später sogar Premierminister Franz Ernst von Platen. Da von Platen den Luxus liebte und diesen auch in vollen Zügen genoss, hätte dem edle Kerl ein Highway besser zu Gesicht gestanden als diese Muckelstraße.

Wer war dieser Luxusmensch von Platen? Er war Vertrauter von Ernst August. Dem Ernst August, dessen Sohn später den Thron der Inselaffen besteigen sollte. Da Ernst August den englischen Thron nicht besteigen konnte, bestieg er halt etwas anderes.

Von Platen war auch verheiratet und seine Frau Clara Elisabeth von Platen liebte die Macht und den Luxus wie ihr Mann. Sie war die Mätresse von Ernst August und hatte mit ihm sogar zwei Kinder. Das Verhältnis der beiden war Sex pur.

Langsam, Ernst hatte noch immer Schnappatmung, verursacht durch die letzte große Nummer mit Clara, langsam schob sich die Hand Claras über die weißen Schenkel …. Mensch Deti hör auf, deinen Erotikthriller heb dir das für eine andere Episode auf. Es ist auf jeden Fall nur ein Gerücht, dass der abgebrannte Brennstab von Ernst August der erste war, der ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden sollte, Clare von Platen hielt die Flamme am glühen.

Also ernsthaft weiter und zurück zu Franz Ernst von Platen. Böse Zungen behaupten, dass von Platen die langjährige Liaison zwischen Ernst August und seinem sexsüchtigen Weib aus politischem Kalkül und eigener Machtgeilheit selbst arrangiert hat. Ja, dass waren noch Zeiten oder sollte es so etwas auch heute noch geben? 

Clara Elisabeth von Platen galt lange Zeit als die mächtigste Frau Hannovers, mit ihren Kunststücken in der Horizontalen hat sie Ernst August glatt sein Hirn weggeblasen. Gerüchte besagen, dass sie durch Verrat sogar einen Mordkomplott gegen den Geliebten der Herzogin Sophie, der Frau von Georg Ludwig, Graf von Königsmarck, eingeleitet hat. Georg Ludwig war der älteste Sohn Ernst Augusts, der sich selbst mehrere Mätressen hielt.

Wir reden von der sexuellen Revolution, der sexuellen Befreiung in den 1960-igern, alles Quatsch. Die sexuelle Befreiung hat lange vorher stattgefunden. Da überlässt der Vertraute (von Platen) dem Herzog (Ernst August) seine Frau, mit der aber weiter seinen Spaß hat. Der Herzog zeugt mit dieser Frau zwei Kinder. Sein Sohn Georg Ludwig trieb es nicht minder wenig in fremde Betten. Weil sich die rechtlich Angetraute (Herzogin Sophie) von Georg Ludwig, ein anderes Spielzeug holt, stichelt die Geliebte des Herzogs so lange, bis dieser einen Mord an den Bettgenossen seiner Schwiegertochter in Auftrag gibt. Die Schwiegertochter schickt er zur lebenslangen Verbahnung nach Ahlden, einem nichtssagenden Flecken zwischen Aller und Leine. Das waren Zeiten, dagegen erklärt Oswald Kolle das Leben in einer Puppenstube und Eris, die griechische Göttin der Zwietracht, ist eine Frau mit unbefleckter Empfängnis.

Zugegeben, diese Geschichte mit dem Mordauftrag ist nicht 100 %-ig belegt, aber sie hält sich wacker in den historischen Aufzeichnungen. Offiziell gilt Graf von Königsmarck als verschollen, schwer vorstellbar, dass er demnächst wieder auftaucht. 

Durch seine Cleverness hatte von Platen ähnlich viel Geld zur Verfügung wie Ernst August selbst, dass brachte ihm natürlich Anerkennung bei den Betuchten aus Hannover und Umgebung und war natürlich die Grundlage für sein Luxusleben. Im Jahre 1688 hatte er die Nase voll, seine Repräsentationsstätte in Hannover war ihm zu klein und er suchte was Neues. Fündig wurde er in Linden.

Der ehrgeizige Hofmarschall von Platen machte sich zu Nutzen, dass nicht nur das gemeine Lindener Volk durch den Dreißigjährigen Krieg und dessen Folgezwistigkeiten völlig verarmt war, auch der ansässige Adel, die Familie von Alten, hatte nicht wirklich was zu futtern.

Als er der Familie von Alten ein Angebot für die Nutzung des Parks machte, konnten die das Angebot nicht ablehnen. von Platen pachtete ihr Land für 20 Jahre. Der beschlagene von Platen nutzte die Notsituation aber sehr zu seinen Gunsten aus, und ließ u.a. im Vertrag festhalten, dass die von Alten nach zwanzig Jahren bei einem eventuellen Rückkauf, den dann aktuellen Wert aller gebauten Gebäude und Gärten bezahlen mussten. Das führte später zu einem Jahrhunderte langem Rechtsstreit, der mehrere Generationen zermürbte.

Schloss von PlatenVon Platen baute auf dem Altschen Gut, ein sehr ansehnliches Schloss, das sogar als Konkurrenz zu den Herrenhäuser Gärten auftrat. Fontänen, ein See mit einer kleinen, begehbaren Insel, ein Tiergarten und die Orangerie ließen die Herzen der damaligen Prominenz höher schlagen. Ich möchte nicht wissen, was da so alles abging. Wie ein alter Kartenausschnitt zeigt, hieß der Park zwischenzeitlich sogar von Platen Gut, das ist schon was anderes als diese mickrige, nichtssagende Platenstrasse, in der man sogar das „von“ unterschlagen hat. Heute heißt der immer noch existierende Park wieder von Alten Garten, was auch viel mehr zu Linden passt.

Ein weiterer cleverer Schritt von Platens war, dass er größtenteils auf die damals üblichen Wandgemälde verzichtete und stattdessen abnehmbare Bilder bevorzugte, damit er sie nach Ablauf der zwanzig Jahren als sein Eigentum deklarieren und mitnehmen konnte. Mit dem Tod von Platens im Jahr 1709 endete die Hochphase der gesamten Gartenanlage. Heute ist hier u.a. ein Kindergarten und im Sommer sieht man viele Familien mit einem Grill und ´ner Kiste Herri. Prost.

Das Schloss stand bis zu einem Bombentreffer im Jahre 1945. Dieser Bombentreffer sorgte dafür, dass das Schloss bis auf die Grundmauern niederbrannte. Heute kann man sich nicht einmal mit viel Fantasie vorstellen, dass es hier ein so mächtiges Schloss stand.    

 Überreste Schloss von Platen

Das ist die vielleicht nicht ganz so positive Seite der von Platens. Auf der anderen Seite hat gerade der Freiherr auch für die positive Entwicklung Lindens gesorgt. So baute er ein kleines Vorhaus zu einem großen Wirtschaftshof mit Brauerei, Ziegelei und Ölmühle aus. Auch eine Poststation und eine Wachsbleiche gehen auf die Initiative von Platens zurück. Die Wachsbleiche war ein florierendes Gewerbe, denn hier wurde das gelbe Bienenwachs zu weißen Kerzen verarbeitet, und die wurden nicht nur in den Kirchen zuhauf benötigt, denn damals gab es bekanntlich noch keine Steckdosen. 

Auch bei der Ansiedlung der Weber hat von Platen heftig mitgemischt haben. Dieses war allerdings nicht unumstritten, denn die Lindener mochten die Hinzugezogenen aus dem fernen Weserbergland nicht. Wie heute bei syrischen Flüchtlingen hatte man Angst um die eignen Pfründe und so zerstritt man sich in Linden und es gab lange Zeit ein Alt-Linden und Neu-Linden. Dinge wiederholen sich. Zur Insdustralisierung Lindens, siehe Link

Weberstrasse

Häuser in der Weberstrasse

Ja und zum Schluss noch eine Aussagen von von Platen, die zeigt, dass er Visionär war und einen Blick für Europa hatte. Graf von Platen konnte in die Zukunft blicken. Folgendes Originalzitat ist von ihm überliefert: „Die Leute werden irgendwann eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründen und minderwertige Lebensmittel massenhaft produzieren. Damit entstehen elende Krankheiten“. Meine persönliche Ergänzung: ich glaube, das von Platen andere Krankheiten gemeint hat, aber „elende Krankheiten“ gibt es heute tatsächlich, ich denke dabei z.B. an: Lügen, falscher Ehrgeiz, Ausländerhass, Populismus und vieles mehr.

Was machen wir nun mit von Platen, nennen wir den Westschnellweg um oder belassen wir es bei der kleinen, unbedeutenden Straße, am südlichen Ende der Quirrestraße? Entscheidet selbst oder soll ich eine Bürgerinitiative gründen?

Der Hammer zum Schluss. Als ich den Artikel fertig hatte, recherchierte ich noch einmal nach, um auch ganz sicher zu sein, dass die Straße nach Franz Ernst Freiherr von Platen benannt ist. Ehrlich, ich hatte es einfach vorausgesetzt.

Ich machte 2 Quellen ausfindig. Die erste schrieb, dass die Platenstraße nach einem 100 Jahre später lebenden Nachkommen von Franz Ernst von Platen benannt ist. Das konnte ich nicht glauben. Meine zweite Quelle besagte dann etwas noch Unglaublicheres, die Straße ist nach  Clara Elisabeth Gräfin von Platen benannt, der Ehefrau von Platens und Mätresse von Ernst August und wahrscheinliche Anstifterin zu einem Mord. Diese Idee kann eigentlich nur von den Grünen stammen, die ja kürzlich darum stritten, dass es in Hannover zu wenig Straßen gibt, die nach Frauen benannt sind. siehe Link

Ich kann das nicht wirklich glauben und da sich die Quellen auch noch widersprechen, erfinde ich einfach eine dritte Variante, in der Franz Ernst von Platen der Namensgeber der Straße ist. ich veröffentliche den Artikel also so, wie ich ihn ursprünglich geschrieben habe.

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